“Stadt aus Glas” ist das erste Buch in Paul Austers “Die New York-Trilogie”.
“Mit einer falschen Nummer fing es an, mitten in der Nacht läutete das Telefon dreimal, und die Stimme am anderen Ende fragte nach jemandem, der er nicht war.”, beginnt die als Kriminalroman oder Detektivgeschichte getarnte Erzählung um Daniel Quinn. Daniel Quinn, ein einsamer Schriftsteller, der unter dem Pseudonym William Wilson Kriminalgeschichten seines Helden Max Work veröffentlicht, nimmt den Anruf schließlich entgegen und gibt sich als der von der Anruferin verlange Privatdetektiv Paul Auster aus.
“Stadt aus Glas” spielt mit Zufall und Identitäten und handelt primär von der schweren Identitätskrise des Autors Daniel Quinn. Dieser soll einen Peter Stillmann vor seinem Vater, der vor einiger Zeit aus einer psychiatrischen Klinik entlassen wurde und ebenfalls auf den Namen Peter Stillmann hört, beschützen. Stillmann hatte seinen Sohn, ähnlich wie im Fall Kaspar Hauser, jahrelang eingesperrt, um herauszufinden, ob der Mensch über eine Ursprache verfügt.
“Stadt aus Glas” spielt natürlich in New York: “Ich bin nach New York gekommen, weil es der verlorenste, der elendste aller Orte ist. Die Zerbrochenheit ist allgegenwärtig, die Unordnung universal. Die zerbrochenen Menschen, die zerbrochenen Dinge, die zerbrochenen Gedanken. Die ganze Stadt ist ein Schrotthaufen.” In dieser Stadt verliert Quinn sich selbst in seinen Identitäten, die sich zum Schluss völlig auflösen. Tag und Nacht, Zeit und Raum, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verlieren ihre Bedeutung. Quinn zerbricht selbst in der Zerbrochenheit des Big Apple.
Fazit: “Stadt aus Glas” von Paul Auster beherrscht das Spiel mit Zufällen, Identitäten und Anspielungen (z.B. auf Don Quijote) perfekt. Ein Buch, das zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten zulässt und den Leser bis zum Schluss fesseln kann. Voraussetzung ist nur, dass man sich auf Austers Spiel einlässt.
Auch “Schlagschatten” handelt von Detektiven und Identitäten. Blue, der bei Brown in die Lehre ging, erhält von White den Auftrag, Black zu beobachten. Dieser tut allerdings nichts weiter, als in seiner Wohnung zu sitzen, zu schreiben, zu lesen um selten sein Quartier zu verlassen, um ein paar Meter zu gehen und Einkäufe zu verrichten.
Blue nähert sich Black sukzessiv und nimmt letztendlich Kontakt mit ihm auf. Beide scheinen sich zu ergänzen und der Lebenssinn der beiden hängt schließlich zwanghaft mit dem des Anderen zusammen. Ohne den jeweils Anderen könnte keiner von beiden mehr selbstständig existieren. Zum Schluss sucht Blue Black in seiner Wohnung auf, schlägt ihn tot und nimmt sich seine Manuskripte. Zurück in seiner Wohnung muss Blue erkennen, dass es sich um seine eigenen Schriften handelt.
Fazit: “Schlagschatten” stellt den Mittelteil der “New York-Trilogie” dar und ist gleichzeitig das skurrilste Buch in dem Werk. Auster beschreibt in einer klaren Sprache Sinnsuche und Identitätsfindung von Blue. Dabei entsteht beim Leser ein unheimliches Gefühl im Dunkeln zu tappen, typisch für den hier angewandten kafkaesken Erzählstil. Das Buch endet offen und lässt einen ratlosen Leser zurück, dem es nun offen steht, verschiedenste Interpretationen zu kreieren oder das ganze einfach als verworrenes Spiel mit der Realität auf sich wirken zu lassen.
Das dritte Buch der “New York-Trilogie” von Paul Auster heißt “Hinter verschlossenen Türen” und hat mir am besten gefallen. Es handelt von dem Autor Fanshawe, der spurlos verschwindet und von dessen früherem besten Freund, dem Ich-Erzähler, der Fanshawes Frau Sophie nach dessen Verschwinden heiratet, seine Bücher publiziert und sich dann auf die Suche nach dem Verschollenen macht.
“Geschichten geschehen nur denen, die imstande sind, sie zu erzählen, …”. Auster beginnt mit der Beschreibung einer wunderbaren Jugendfreundschaft zwischen Fanshawe und dem Ich-Erzähler. Dieser bekommt, nach dem die Freundschaft längst erloschen ist, einen Brief von Fanshawes hinterbliebenen Frau. Sie erzählt, dass Fanshawe vor einem Jahr plötzlich verschwunden sei, und sie ihn für tot halte. Sie bittet den Erzähler, seinen Nachlass – Fanshawe hat sehr viel geschrieben – zu sichten. Er liest es und wird völlig überrumpelt: “Das Buch bleibt irgendwo im Hirn stecken, und man wird es nicht mehr los.”, “Man kann nicht aufhören, daran zu denken.” Parallelen zu Kafkas Leben und dessen Nachlassverwalter Max Brod kann man hier ziehen.
Plötzlich erhält der Erzähler einen Brief von Fanshawe: er lebt! Dieser Fakt bringt sein Leben völlig durcheinander, er beginnt Nachforschungen für eine Biographie über Fanshawe anzustellen und schließlich macht er sich auf den Weg, Fanshawe zu finden.
Fazit: Auch “Hinter verschlossenen Türen” endet wie die “Stadt aus Glas” und “Schlagschatten” offen und lässt den Leser allein und verwirrt zurück. Das letzte Werk der “New York-Trilogie” ist ebenfalls oberflächlich gesehen eine Art Detektivroman, der aber vielschichtig in menschliche Abgründe führt. Charaktere wie Peter Stillmann, Quinn, Henry Dark und Dinge wie das rote Notizbuch, die der Leser schon aus den ersten beiden Büchern der Trilogie kennt, tauchen in “Hinter verschlossenen Türen” wieder auf. Und nicht zuletzt die zum Schluss benutzte Selbstreflexion von “Stadt aus Glas” und “Schlagschatten” machen das Buch zu einem literarischen Genuss.
Gesamtfazit: Nach “Mond über Manhattan”, meinem ersten Auster-Roman, hat mir die “New York-Trilogie” sehr gut gefallen. Auster beherrscht das Spiel mit Stimmungen, Wahrnehmungen (der Protagonisten und damit auch des Lesers), Identitäten, Biografien, Zufällen, Schicksalen und nicht zuletzt der Umkehrung von Täter- und Opferrolle perfekt. Der Leser wird völlig in den Bann der kafkaesk geschriebenen Geschichten gezogen, um dann, am Ende jeder Geschichte, wie vor einem Abgrund zu stehen, der mit Interpretationen gefüllt werden will.
Zitat von Paul Auster zu seiner “New York-Trilogie” (übernommen aus Wikipedia): “Jeder Roman der Trilogie handelt von einer exzessiven Leidenschaft. Stadt aus Glas spielt auf Don Quijote an (…): Wo verläuft die Grenze zwischen Wahnsinn und Kreativität? Wo verläuft die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fantasie? In Schlagschatten herrscht der Geist von Thoreau (…) die Idee, ein Leben in Einsamkeit zu führen, sich wie ein Mönch auf sich selbst zurückzuziehen – einschließlich der Gefahren, die das mit sich bringt. (…) In Hinter verschlossenen Türen ist übrigens der Name Fanshawe eine direkte Anspielung auf Hawthornes (…) ersten Roman. Er hat ihn in sehr jungen Jahren geschrieben, und kaum war das Buch erschienen, distanzierte er sich innerlich davon…“
Autor: Paul Auster
Titel: Die New York-Trilogie: Stadt aus Glas / Schlagschatten / Hinter verschlossenen Türen
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-12548-5
Seiten: 374
Preis: 9,95 €


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